Doktor am Hirschensprung

Der dritte Zeuge im September 1675 war Jakob Föhr aus Ruggell. Hopp hatte ihm verboten, über seinen Grund zu fahren. Da sich Föhr jedoch um dieses Verbot nicht gekümmert hatte, sei er bald erkrankt und habe deshalb den Hopp in Verdacht gehabt. Als der Doktor am Hirschensprung seine Hand ansah, habe er gesagt, es wäre besser gewesen, wenn er das Holzführen hätte bleiben lassen.

Marxer bestätigte diese Aussage am 20. Februar 1679 und fügte noch hinzu, dass er die Schmerzen vor kurzer Zeit wieder empfunden hatte. Er konnte eine Weile nichts mehr essen, empfand ober dem Herzen grosse Schmerzen, wurde am Leib sehr geschwollen, musste sich niederlegen und nahm immerzue Theriak ein. Dadurch habe er eine solche ganz griene abscheülich und zeche materi von sich gebracht, daß man sye hete aufhaspeln khönnen. Trotzdem sei er nicht mehr ganz gesund geworden, bis er die Mittel des Doktors am Hirschensprung anwandte. Seine Frau hatte sich nämlich zuo dem bey dem Hirschensprung sich aufhaltenden dr. [begeben], umb gedeyliche mitl zue holen. Der Doktor habe zu ihr gesagt: Weib, ihr habt eweren mann noch nit lang, so aber ihr selbigen lenger begehret, miest ihr beschleinigist die ihme von mir verordnete medicinalia applicieren, dan er sich noch wohl einzubilden wissen wirdt, wo er bei einer mezgete das ienige bekhommen.

Quelle: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Band 98, 1998 - Der Teufel und die Hexen müssen aus dem Lande (p. 136).

Grosse Nachfrage von seiten der vielfach bedrängten Menschen erfuhr zumindest in den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts der sogenannte Doktor am Hirschensprung‚ einem Weiler der Gemeinde Rüthi [...]. Er war wohl identisch mit dem ebenfalls erwähnten Doktor in Oberriet. Der Heiler am Hirschensprung blickte mitunter nur in die Hand eines Patienten und wusste schon Bescheid. Er wurde bei allen möglichen Schwierigkeiten konsultiert. So suchte etwa Georg Anger bei ihm Rat, weil er von seinen vier Hühnern keine Eier bekam, obwohl sie jeden Tag legten. Zur Bekämpfung einer magisch verursachten Mäuseplage gab der Heiler einem Ratsuchenden ein Mittel, das er an allen vier Ecken des Ackers an einem Freitag vor Sonnenaufgang zu vergraben hatte, wobei er an jeder Ecke fünf Vaterunser und Avemaria beten musste. Laut Aussage des Geschädigten hatte dieses Mittel gewirkt, nachdem der Scherenfanger völlig erfolglos geblieben war. Der Lindauer Jurist Dr. Welz kritisierte den Doktor am Hirschensprung in seinem Rechtsgutachten vom 12. März 1679 scharf. Er schrieb, dass der Heiler durch viele selzame manieren, welche er bej seinen curen wider dergleichen zauberey zu gebrauchen pfleget, das gelt auß dem beütel feget, durch seine nichts taugende ceramonies den aberglauben deß gemeinen manns nicht umb ein weniges vermehret und die teüfel durch Beelzebub außzutreiben pflege. Weiters verdächtigte Dr. Welz den Heiler, selbst mit dem Teufel im Pakt zu stehen. Er stellte es der Vaduzer Obrigkeit anheim, ob es nicht angebracht wäre, durch ein expresses verbott dem einfältigen underthanen diese an leib und seel gefährliche nebenwege abzuschneiden und selbigen an statt dergleichen aberglaubischen mitteln zu dem von gott eingesezten und in seinem beruf lebenden medico hinzuweisen.

Quelle: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Band 98, 1998 - Der Teufel und die Hexen müssen aus dem Lande (p. 58).

Die 33-jährige Maria Büchlin, Ehefrau Leonhard Güfels aus Ruggell, sagte unter Eid aus, dass sie im vergangenen Winter unter einer schweren Krankheit gelitten hatte. Deshalb habe sie ihren Mann zum Doktor am Hirschensprung geschickt, der ihm mitteilte, dass das Übel von einem ihr beigebrachten besen trunkh herrührte. Obwohl sie das davor nicht vermutet hatte, sei in ihr daraufhin ein böser Argwohn gegen die Wangnerin entstanden. Sie erinnerte sich, dass ihr diese Person als ihre gefaterin ein Viertel Wein ins Kindbett gebracht und ihr immerfort zugesprochen hatte, sy solle drinkhen, seye der beste wein, den sy in dem keller habe. Deshalb hatte sie auch getrunken, und zwar ohne dass die Wangnerin ebenfalls einen Schluck davon nehmen wollte, obwohl sie anderen Wein, den die Kindbetterin zu Hause hatte, nicht verschmähte. Die Krankheit sei der Büchlin von einen glid in daß ander hin und her geschossen und hab sy in die 8 tag nit gehen khönnen und an hend und fiesen 3 wachen lang blateren gehabt. Ihr konnte erst geholfen werden, nachdem durch den Doktor am Hirschensprung und die geistlichen Mittel der Kapuzinerpatres eine griene abschewliehe und rues bitere materi von ihro getriben worden war.

Quelle: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Band 98, 1998 - Der Teufel und die Hexen müssen aus dem Lande (p. 132)..

EINE HEXE VERRÄT SICH

Der «Doktor im Hirschensgrung», der auch als Ratgeber in anderen Prozessakten vorkommt, wenn es sich um eine Krankheit handelt, die auf Verzauberung zurückgeführt wird, gibt ein Mittel an, die böse Person zu entlarven: 'Sie soll aus dem Hause gewiesen werden, wenn sie — was als sicher angenommen wird — mit einer Frage kommt. Oft verrät sich eine Hexe dadurch, dass sie etwas ausborgen will. Wenn man es ihr nicht gibt, hat sie die Kraft verloren.

Quelle: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Band 65, 1966 - Sagen aus Liechtenstein (p. 156)..

Der Aberglaube findet zu solchen Zeiten den besten Nährboden. Da ist ein Doktor im schweizeriechen Rheintal, im Hirschensprung, zu dem geht man um Rat. Er bestätigt, dass die Unpässlichkeit eines Kindes vom Hexenwerk komme, man solle acht Tage niemanden zu ihm lassen, es werde jemand kommen und fragen, wie es mit dem Kinde stehe. Tatsächlich sei die Angeklagte gekommen. Auch gegen die Mäuse im Acker weiss er ein Mittel, das an den vier Eeken zu vergraben ist, wozu 5 Vaterunser zu beten sind. Ein Zeuge hat vier Hennen, die täglich legen, aber er bekommt nie ein Ei, denn sie verschwinden. Auch er geht zum Doktor. Ein Doktor "Weiller" betätigt sich ähnlich. Er will einem Ratsuchenden das Weib, das ihm durch Zauberei geschadet, in einem Spiegel zeigen.

Quelle: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Band 57, 1957 - Vorspann (p. 181)..

 

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Erstellt durch Daniel Stieger (letzte Nachführung am 17. Juni 2017)